Das Vermächtnis

Eine Geschichte.....eine Reise.....Mythologie.....Traumzeit.....Aborigine.....eine Vision....geheimnisvoll....

 

Ja, es gibt noch viele, viele Attribute mit denen ich diese Geschichte betiteln kann. Tatsache ist jedoch, dass diese mysteriöse Geschichte zu mir kam, sie war urplötzlich da. Und obwohl ich noch nie eine Geschichte zu Papier brachte, war mir klar.....das muss ich aufschreiben, genau so wie sie zu mir gefunden hat. Ich werde nun damit beginnen euch von Biggy und ihrem Bruder Lucas, von Kuparr und Djalu, den Höhlenmalereien, das geheimnisvolle Didgeridoo, der Traumzeit, zu erzählen.

Ich wünsche dir viel Spannung und Spaß, aber vergiss nicht...es ist meine Geschichte!!!!

 

Ich möchte dann doch noch ein paar Dingen vorweg erzählen.

Stell dir vor, du sitzt in einem Theater vor einer großen Bühne. Der Vorhang öffnet sich, eine Theaterbühne beinahe leer, abseits der Bühne steht ein Mann an einem Rednerpult im Scheinwerferlicht.....

....eine mystische Stimme, Didgeridoo, Trommel, Tänzer und Sänger erzählen das Vermächtnis auf ihre Weise....in einer Performance die deiner Fantasie genügend Platz lässt ein Kopfkino entstehen zu lassen.

Planung, Termin, Ensemble....alles war perfekt. Und da war sie, die Angst. Die Angst die Aufführung in den Sand zu setzen ließ mich nicht mehr schlafen. Ich habe das Spektakel abgesagt als noch für niemanden Unkosten entstanden waren. Aber es arbeitet natürlich immer noch in mir, und irgendwann findet sich ein geeigneter Ort das Vermächtnis einem interessierten Publikum vorzustellen.

 

Das oben gezeigte Bild, ich nenne es "Monis Traum". Eine Didgeridoo Spielerin und Malerin bringt einen Traum in diesem Bild zum Leben. Als sie dieses Bild auf den Tisch vor mich hin legte ergriff dieses Bild mich und schüttelte mich ordentlich durch dass der Tisch zu beben anfing. Ich starrte in das Bild, es begann sich zu bewegen und ich erkannte beinahe jede Szene aus meiner Geschichte in dem Bild. Es war eine Situation wie ich sie noch nie erlebte. Mit Worten nicht zu beschreiben....

Wenige Jahre später überreichte sie mir diesen Traum als Geschenk, und so kam "Monis Traum" zu mir. Wie ich finde....eine schöne Geschichte!

 

Eine von vielen schönen Geschichten, die den Weg über das Didgeridoo zu mir finden. Oft sind sie auch mit lieben Menschen verbunden die dann zu Freunden werden.

 

Der Heimweg

Kuranda, ein kleines Provinzstädtchen im Nordosten Australiens, an den Ufern des Barron River gelegen. Besondere Vorkommnisse, ganz selten, im Normalfall keine. Im Westen des Städtchens bilden Wohnblocks die Stadtgrenze. In einem dieser Blocks wohnt Biggy mit ihren Eltern und ihrem Bruder Lucas. Aus dem Küchenfenster sehen sie über einen etwa 500 Meter breiten Streifen verdorrter Steppe die an eine ungewöhnliche Felsenlandschaft grenzt. Riesige, vom Wind abgeschliffene Steinkugeln, unterschiedlicher Größe, türmen sich zu einem kleinen unwegsamen Gebirge an. Auf welchem Weg diese Felsen hierher gefunden haben, weiß niemand im Ort. Vermutlich interessiert es auch keinen. Weht der Wind einmal nicht vom östlich gelegen Meer her, dann bilden diese Häuserblocks für den Rest der Stadt eine Art Schutzschild gegen die sengend heiße Luft, die oft in sturmähnlichen Böen aus westlicher Richtung auf die Stadt trifft. Die riesigen Felsen wirken wie Wärmespeicher, die von der Sonne auf Bratpfannentemperatur erhitzt werden. Als wäre die Luft nicht schon heiß genug geben diese Kugeln bereitwillig die in ihnen gespeicherte Hitze an die durchströmende Luft ab. Eine durchaus lebensfeindliche Wetterlage. Als einzigen Schutz halten die Bewohner die Fenster fest verschlossen. Die Felsen an sich bilden eine Art natürliche Grenze zwischen dem verschlafenen Städtchen und der endlosen Weite dieses Kontinents, dem Outback.

Ein alter Mann, ein Aborigine, jeder kann ihn tägliche sehen, niemand kennt ihn, weiß woher er kommt, ob er hier wohnt. Sein Name und Alter sind ebenfalls unbekannt. Ein Bettler halt, in Kuranda ist er allerdings der einzige seines Standes, sozusagen konkurrenzlos. Ein hartes Leben hat seine Spuren hinterlassen. Langes, zottiges schwarz- graues Haar, einem Fell gleich. Seien Augenbrauen verbergen seine dunklen Augen. Tiefe Furchen zeichnen die Kontur seiner breiten, dicken Nase nach, bis sie sich in einem ebenso zottigen, verfilzten Bart verlieren. Wenn er sein Didgeridoo absetzt, treten ungeheuer wulstige Lippen hervor, wie sie für Aborigine typisch sind. Gibt ein Passant etwas Geld in seine Schale, erhellt sich für einen kurzen Moment sein harter, meist regloser Gesichtsausdruck zu einem dankbaren Lächeln. Seine Kleidung, ein paar wenige Lumpen. Auf der dunklen Haut sind mit etwas weißer Farbe Linien gemalt. Keine weichen, wellenförmige Linien. Gerade Striche die in scharfen Zacken ihre Richtung ändern. Die Bedeutung dieser aggressiv wirkenden Bemalung kennt wahrscheinlich nur er. Und dann ist da sein Spiel auf dem Didgeridoo. Sicher wurde dieses Instrument schon über viele Generationen von Spieler zu Spieler weiter gegeben. Seine Farben sind an vielen Stellen bereits abgenutzt. Der Sound ist eigenwillig, kernig und doch erden- sanft. Das Spiel, es ist jeden Tag das gleiche, obwohl der Alte sicher mehr drauf hat. Aber er spielt dieses, sein Spiel. Er zelebriert es mit einer liebevollen Hingabe. Jeden Tag aufs Neue, jeden Tag diese Botschaft, die ebenso eigensinnig scheint wie das Didgeridoo, das er spielt. Der Rhythmus geht dem Zuhörer sehr schnell ins Ohr, den er dann für den Rest des Tages in sich trägt. Der Klang des Didgeridoo gehört ebenso in diese Straße wie der Anblick seines sonderlichen Spielers. Welches Schicksal hat ihn derart gezeichnet?

Biggy, ein fröhliches Mädchen, sie ist schon zwölf. Ihre Körpergröße entspricht eher dem unteren Durchschnitt ihrer Klasse. Und da ihre Statur noch etwas schmächtig ist, schätzt man ihr Alter eher auf "knapp zwölf", was Biggy ungeheuer ärgert. Ihr dunkelblondes, leicht gelocktes Haar trägt sie gern zu einem Pferdeschwanz gebunden, der ihren lockeren Gang wippend kommentiert. Zwei wache Augen unterstreichen ihr freches Auftreten sympathisch.

Mit ihrem großen und stärkeren Bruder Lucas versteht sie sich im Allgemeinen recht gut. Lucas ist vierzehn Jahre alt und für sein Alter recht muskulös. Bei Auseinandersetzungen mit den Jungs aus ihrer Klasse fällt es Biggy relativ leicht sich durchzusetzen. Man kennt die Schlagkraft von Lucas. Aber wie es zwischen Geschwistern nun mal so ist, wird ihre Liebe immer mal wieder einer leidvollen Prüfung unterzogen. Im Normalfall tragen sie ihre "Meinungsverschiedenheiten" unter sich aus. Das erspart zusätzlichen Ärger mit den Eltern.

Täglich sieht Biggy auf ihrem Nachhauseweg von der Schule diesen alten Aborigine bettelnd, spielend an einer , seiner Häuserwand an der Straße sitzen. Ihr Mitgefühl lässt sie verschämt ihren Blick senken. Dennoch ist er ihr ein wenig unheimlich, sie wechselt wenn möglich die Straßenseite. Für diesen Moment unterbricht sie dann ihren sonst frech- fröhlichen Gang. Niemals hatte sie das Gefühl, dass der alte Mann von ihr Notiz genommen hätte. Sonderbar, heute verspürt sie keinen Drang dem Aborigine auszuweichen. Biggy fühlt eine angenehme Wärme in sich aufsteigen als sie den zotteligen Kuparr am Straßenrand sitzen sieht. "Kuparr, ist das sein Name? Wie komm ich gerade jetzt auf diesen Namen"? Seltsam berührt wird ihr Schritt zögerlicher, sie lächelt ihm sogar ein wenig zu. Der Alte scheint davon völlig unbeeindruckt. Biggy bleibt beim Alten stehen und spricht ihn fragend mit diesem, seinem Namen an - "Kuparr"? Für einen Moment überrascht, jedoch kommentarlos schenkt er Biggy einen kurzen Blick, und beginnt sein Spiel auf dem Didge erneut.

Etwas enttäuscht verlässt sie den Aborigine und setzt ihren Heimweg fort. Sein Name ist Kuparr! Seine, für ihn überschwängliche, Reaktion war für Biggy eindeutig die Bestätigung. Aber wie komm ich auf den Namen? War es Gedankenübertragung? Ich hab schon von diesem Phänomen der Kommunikation gehört, doch wie soll das funktionieren? Keine Ahnung. Zufall, oder hab ich mitbekommen wie jemand anderes über ihn gesprochen hat? Egal, jedenfalls freut es Biggy den Namen des Bettlers zu kennen. Von nun an ist er ihr vertrauter, nicht mehr so fremd.

Während Biggy ihren typischen, frech- fröhlichen Gang wieder aufnimmt, steigt in ihr eine große Lust auf, ihren Bruder so richtig zu ärgern. Es ist wieder mal soweit. Das wundert Biggy nicht weiter, es kommt gelegentlich vor. Sie hat zwar noch keine Vorstellung davon, wie sie ihn reizen wird, doch bald sieht sie, wie er einen Fußball immer wieder an eine Hauswand kickt. Kick - bums, kick - bums, kick - bums, das kann der stundenlang so machen, ein Junge eben. Dafür hat Biggy überhaupt kein Verständnis. Den Bewohnern geht das sicher tierisch auf die Nerven. "Aber diesmal nicht, mein Freund"! Jetzt, das ist ihre Chance! Sie wartet auf einen günstigen Moment, rennt blitzartig los und kreuzt geschickt die Flugbahn des Balls und kickt das blöde Ding hinaus auf die Straße, direkt vor einen vorbei fahrenden LKW. Oh, oh, der Lastwagen war nicht im Plan. Das Platzen des Balls wird vom Motorenlärm übertönt.

Ihr wird schlagartig klar, jetzt muss sie schnell sein. Den Vorteil der Überraschung nutzen. Wenn sie ihrem Bruder in die Hände fällt, dann tut's weh, richtig weh. Die Mischung aus Angst vor Lucas und dem Glücksgefühl im Bauch über den gelungenen Coup verleiht Biggy Flügel. Sie rennt, was das Zeugs hält.

Lucas muss die Situation erst noch begreifen. Dann endlich, Hass und Wut ergreifen ihn, und diese Gefühle in seinem Bauch schieben ihn dann auch ordentlich an, verleihen ihm die nötige Dynamik. "Na warte du Miststück", er nimmt die Verfolgung auf. Er muss sie erwischt haben noch bevor sie die elterliche Wohnung erreicht. Weshalb macht die so etwas, welcher Teufel hat die den geritten? Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du das in Zukunft bleiben lassen, versprochen!

 

Die Flucht

Biggy rennt auf dem kürzesten Weg in die nahe gelegene Felsenlandschaft, die Wärmespeicher. Hier wird sie sicher ein geeignetes Versteck finden. Nach Hause laufen, viel zu weit, ihr Wohnblock ist der letzte in der Reihe. Der sichere Hafen "Mumm" würde sie nie erreichen können. Biggy schätzt ihre läuferischen Möglichkeiten schon richtig ein. Riesige, runde Felsen liegen wie verlorengegangene Kanonenkugeln umher. Zwischen den Kugeln haben sich schmale Fußwege gebildet, jedoch kaum ein Fuß breit. Die heiße Luft, die zwischen den Steinbrocken durchzieht, lässt Biggies Blut in den Adern aufkochen. Ihre schmalen Füße finden zwischen den Steinen immer genügend Platz, ein nicht geringer Vorteil. Sie und Lucas streifen eigentlich gerne zwischen den Kugeln umher, glauben jeden dieser Schleichpfade gut zu kennen.

Teilweise besitzen die Steinkugeln sogar Namen. Lucas und Biggy machen sich gerne einen Spaß daraus, den runden Felsen passende Namen zu geben. So gibt es eine "Mrs. Hammer". Der Fels erinnert an die ausladende Rückansicht dieser ungeliebten Nachbarin. Die "Zwillinge", "Devils Rock" oder "Neighbor Tits" lassen auch auf das jeweils spezielle Aussehen der Felsen schließen.

Und jetzt, mit dem Verfolger im Nacken, wählt Biggy einen Weg aus, der ihr völlig unbekannt vorkommt. Sie kann sich nicht erinnern, diesen Felsen, diesen Pfad jemals schon gesehen zu haben. Ihre Verwunderung darüber hält sich allerdings in Grenzen. Die Pfade tragen schließlich keine Namen, was eine Weg Beschreibung auch immer etwas schwierig gestaltet, wenn die Geschwister abends Mumm und Dad von ihren neuesten Entdeckungen berichten. Biggy wird später hierher zurückkehren, um die Umgebung genauer zu erkunden. Aber jetzt ist erst einmal Sicherheit angesagt. Am Ende eines jeden Pfads teilt sich dieser um eine weitere ebenfalls unbekannte Felsenkugel nach links und rechts auf. Sie achtet nicht darauf, wie oft sich die Wege schon geteilt haben, und schon bald befindet sich Biggy im "Niemandsland". Hier wird sie ihr Bruder niemals finden. Biggy wähnt sich in Sicherheit, ein wenig Zeit, um zu verschnaufen. Sie schaut sich dennoch suchend nach einem geeigneten Unterschlupf um. Da entdeckt Biggy, hinter einem trockenen Busch, solche Stauden gibt es hier massenhaft, etwas "Dunkles". Nähere Untersuchungen offenbaren Biggy eine Felsspalte die in einem schmalen schlitzförmigen Loch tiefer in die Spalte hinein reicht. Wie weit das Loch in den Fels hinein führt, kann Biggy nicht erkennen.

"Ist es mögliche, dass das der Eingang in eine Höhle ist"? Fragt sich Biggy neugierig. Gerade mal so breit, dass sie sich hindurch zwängen könnte. Seit der heutigen Begegnung mit dem alten Mann, mit Kuparr, scheinen die Dinge irgendwie anders zu laufen, sehr seltsam. Aber Biggy hat jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, sie muss handeln.

 

Das Loch

Die Frage, wie kommt dieses mysteriöse Loch hierher, schießt Biggy immer wieder durch den Kopf. So wie ihr die ganze Gegend fremd ist, wie neu entstanden, war ihr die Einstiegsluke noch nie aufgefallen und Lucas ganz sicher auch nicht. Biggy würde alles darauf verwetten, dass ihr Bruder davon erzählt hätte. Den Triumph, etwas Neues vor der kleinen Schwester entdeckt zu haben, diesen Triumph würde er sich nie entgehen lassen. Genießen würde er ihn, seine Nase dabei ganz hoch oben. Und genau das macht jetzt die Entscheidung hinein zu schlüpfen so unheimlich anziehend, eigentlich schon notwendig.

Den Strauch etwas zur Seite drücken, schon ist Biggy sicher, "da pass ich durch". Alle Ermahnungen der Eltern ignorierend lässt sie sich mit den Füßen voraus in das Loch gleiten. Australien, die Insel mit der weltgrößten Auswahl giftiger Tiere und Pflanzen, zu Land und zu Wasser. Biggies Leichtsinn ist kaum zu überbieten. Allein die Vorstellung, die Füße in das unbekannte, dunkle Nichts zu stecken. Mut, Verzweiflung, Dummheit, vermutlich eine ungünstige Kombination aus allem. Jetzt bloß nicht an die Gefahren denken, wird schon gut gehen! Schlangen, Spinnen und sonstiges giftig- gruseliges Getier sind ausgeblendet, für Biggy nicht existent. Das Einzige was zählt, ihr Bruder darf sie nicht in seine Finger bekommen. Die Neugier auf ein Höhlenabenteuer hält sich mittlerweile die Waage mit der Angst vor ihrem Bruder.

Sie ist zunächst überrascht, kann einen verräterischen Schrei gerade noch unterdrücken, als ihre Füße hinter dem Einstieg keinen Boden spüren. Die Erde hinter dem Eingang führt recht steil nach unten. Bis ihr das klar wird, rutscht sie bereits in die unbekannte, schwarze Tiefe hinab. Ihre Hände suchen vergeblich nach Halt. Gefühlte einhundert Meter, tatsächlich waren es vielleicht fünf oder zehn Meter, dann wird die Höhle flacher, sodass sie liegenbleibt und aufstehen kann. Die Luft hier drinnen riecht nach tausendjährigem Schlaf. Das Kriechloch befindet sich jetzt allerdings ziemlich weit ober und ist nun deutlich kleiner zu sehen. Der einfallende Lichtschein erhellt die Stelle, an der sie steht, gerade so viel, dass sie die dunklen Wände und die Decke schemenhaft erkennen kann. Aufgewirbelter Staub tänzelt im einfallenden Lichtstrahl der Sonne. Der Boden ist zentimeterdick mit Staub bedeckt. Der Fels darunter ist ziemlich uneben, und es ist schwierig darüber zu gehen. Der aufsetzende Fuß ist immer in Gefahr in eine Spalte zu rutschen. Unheimlich der Gedanke, dass sich der Fuß in einer solchen Ritze verhakt, aus der sich Biggy nicht von selbst befreien könnte. Da hilft nur höchste Konzentration, das weiß Biggy.

In dieser Höhle war vor mir sicher noch keine Menschenseele. Der Gedanke erfüllt Biggy natürlich mit Stolz. Ich hab eine Höhle entdeckt! Tiefer im Inneren der Höhle verliert sich der Schein des Tageslichts rasch. Sie muss, das ist ihr klar, noch ein wenig tiefer hinein ins Dunkle. Hier im vorderen Bereich der Höhle wäre Biggy von Lucas gut zu entdecken. Diese Tatsache, die Neugier und die erhabene Erkenntnis ein Entdecker zu sein, verleihen ihr den Mut, sich weiter hinein zu tasten. Ganz vorsichtig, die Füße möglichst nicht anheben. Den Kontakt zum Untergrund, worauf Biggy auch immer gerade steht, bloß nie verlieren.

Gibt es hier irgendwelches Getier? Klar, ein bisschen spät diese Überlegung. Schlangen und Echsen eher nicht, die mögen's lieber wärmer. Spinnen? Egal, die warten nicht ausgerechnet auf mich. Wovon sollten die sich denn ernähren? Quer übers Gesicht spürt sie hin und wieder, wie sich ein Spinnfaden spannt und letztlich reißt. Also doch....Spinnen gehören nicht zu Biggies Lieblingen. Aber da muss sie jetzt durch. Die wirklich großen Achtbeiner spinnen keine Netze, ganz bestimmt nicht. Mit erhobenen Armen, leicht angeekelt, versucht sie sich den Weg von Spinnweben frei zu machen. Meistens gelingt dies auch.

 

In der Höhle

Jetzt war sie bestimmt schon zehn bis fünfzehn Meter tief in der Höhle. Der Eingang nur noch ein kleines helles Loch. Da sollte sie wieder hinaufklettern und durchpassen, falls es keinen anderen Ausgang aus dieser Finsternis gibt. Wo ich reinkam, komm ich auch wieder raus, really shure! Von ihrem Bruder war glücklicherweise nicht zu hören und nichts zu sehen. Dieser Depp ist sicher vorbei glaufen, auch hier ist sich Biggy, really shure.

Allmählich gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit. So kann sie doch noch etwas von den Wänden erahnen. He, he, was war das, war das der Schein eines Feuers? Da ist es wieder, dunkel zwar, gelbes Licht, mal mehr mal weniger hell, flackert es an der Höhlenwand zu ihrer Rechten. Fast unbemerkt, vom schwachen Schein magisch angezogen, schleicht sie immer weiter dem mysteriösen Licht entgegen. Biggy ist jetzt ziemlich sicher, irgendwo da hinten brennt ein Feuer. Wenn es nicht das "ewige Licht" ist, dann ist doch schon jemand vor ihr hier gewesen, der diesem Feuer seine Nahrung gibt. Aber wer kann das sein? Der Geruch von Rauch ist jetzt deutlich zu vernehmen. Ein Stück weiter muss der Höhlengang einen Knick nach links machen. Von dort aus würde ich bestimmt mehr erkennen, vielleicht sogar das Rätsel lösen können.

Voller Stolz über ihren Mut werden ihre Schritte sicherer. Das Licht erhellt bereits den gesamten Höhlengang bis hin zur Biegung. Hey, was ist das, Zeichnungen menschenähnlicher Figuren und Tieren in roter Farbe an den Wänden. Auf einer Länge von etwa drei Meter ist die sonst zerklüftete Oberfläche der Höhle auffällig eben, wie eine Tafel. Nur wenige Stufen im Fels unterbrechen die Fläche und geben ihr ein wenig Struktur. Darstellungen irgendwelcher Jagd- und Kampfszenen aus längst vergangener Zeit. Im Schulunterricht und von Erzählungen ihres Vaters weiß Biggy von der Existenz solcher Höhlenmalereien. Ein Buch ihres Vaters, das sich genau dieses Themas annimmt, hatte Biggy schon oft als Bettlektüre bei sich. Während des Lesens versucht Biggy sich dann die herrschende Stimmung, Geräusche, Musik, Gesang und die Gerüche vorzustellen. Die Gedanken fesseln und faszinieren sie. Für einen Moment lebt Biggy dann in genau diesen Bildern weiter. Teilweise wurden diese Malereien vor tausenden Jahren von Aborigine, Australiens Ureinwohner, an die Wände gemalt. Ist Biggy die Erste, die Entdeckerin der Höhle, dann hat diese Malerei auch noch niemand vor ihr gesehen, wouwww. Aber nein, da ist ja noch der mysteriöse Unbekannte, der das Feuer schürt.

Urplötzlich wird die Stimmung noch dramatischer, unheimlich mystisch, als der Klang eines Didgeridoo durch die Luft schwingt. Die Spannung in ihr wächst zum Platzen an. Sie fühlt ihren erhöhten Puls, der rhythmisch ihren Blick trübt. Wer ist der mysteriöse Didgeridoo- Spieler? Ganz, ganz leise schleicht sich Biggy an die Höhlenbiegung heran. Das Dröhnen des Didgeridoo dringt tief in sie hinein, als wollten die Schwingungen sie erfassen, ihren Verstand einnebeln. Schubweise Gänsehaut......

Jetzt, da sieht sie ihn an einem Feuer sitzend. Tatsächlich kann Biggy nur einen Berg sehen, einen menschlichen Berg. Sein Gesicht verbirgt sich hinter dem Didgeridoo. Seine Hände umklammern das Holzstück und sorgen auch noch dafür, dass sich sein Gesicht dahinter verbergen lässt. Das Didgeridoo ist in Richtung des Feuers ausgerichtet, dennoch mit genügend Abstand, dass das Feuer nicht auf das trockene Holz des Instruments überspringen kann. Eine Weile lauscht sie dem Spiel des "Menschenbergs" zu. Auf einmal geht sie vorsichtig, jedoch furchtlos auf ihn zu.

 

Kuparr

Seltsam, diese Vertrautheit, sie glaubt diesen alten Mann zu kennen. Kuparr!!! Natürlich, klar doch, es ist der alte Aborigine von der Straßenecke. Er spielt sein Spiel, den Sound der Straße, und auch hier scheint er Biggy nicht wahrzunehmen. Dieses seltsame Spiel, dessen Sound erfüllt den gesamten Höhlenraum. Sie setzt sich unweit neben ihm auf einen am Boden liegenden Baumstamm, starrt reglos in Feuer, hört das Knistern des Feuers, an ihrer Seite - Kuparr. Der Sound hat sie vollständig ergriffen, Besitz von Biggy genommen. Immer wieder versucht sie diesem Soundkäfig zu entkommen, sich zu konzentrieren, die Situation, die Zusammenhänge nüchtern zu betrachten. Hilflos suchend blickt sie in der Höhle umher, in der Hoffnung etwas Begreifbares zu entdecken, das sie zuordnen könnte. Keine Chance, wieder und wieder wiegt sich ihr Denken im Rhythmus des Didgeridoo. Sie ist Kuparrs willenlose Gefangene.

 

Die Reise

Oh, mein G...., was ist das? Die Figuren an den Wänden, die Malereien scheinen sich zu bewegen. Unmöglich, sicher nur Trugbilder der über dem Feuer aufsteigenden heißen Luft, einer Fata Morgana gleich. Nein, nein, ihre Bewegungen, sie wiegen sich im Rhythmus des Didgeridoo und werden immer klarer zu erkennen. Zweifellos deutlich zu erkennen, sie tanzen! Und der Alte liefert den Sound zum Tanz der Fata Morgana. Was ich sehe, das kann niemals wirklich sein, sicher gibt es eine plausible Erklärung für alles. Was würde Vater sagen, wäre er hier? Er hat immer eine logische Erklärung parat. Nach einer Weile fragt sich Biggy, tanzen die gemalten Figuren, weil das Didge sei dazu auffordert, oder spielt der Alte, weil die Figuren, die die Geschichte der mehrere tausend Jahre alten Höhle darstellen, Kuparr in Besitz genommen haben? Ist Kuparr ein Sklave seiner Ahnen? Immer noch hat Biggy keine Chance zu begreifen. Dass diese Strichbilder mittlerweile von den Wänden herunter gestiegen waren und Menschengestalt annahmen, nimmt Biggy erstaunlich gelassen hin. Immer wilder bewegen sich diese zu Fleisch gewordenen Ahnen des Alten, stampfen, wirbeln den Urstaub auf. Sicher sind das Kuparrs Ahnen, die schwitzend um das Feuer tanzen, hüpfen, sich wild drehen, lautlos schreien. Kuparr und Biggy befinden sich mitten unter den Tänzern. Es wird dunkel um sie herum. Das Feuer flackert in Kuparrs Augen. Eine überraschende Leichtigkeit steigt in Biggy auf, sie glaubt sich leicht wie eine Feder. Von irgendwo her weht ihr wohltuende, warme, dennoch frische, unverbrauchte Luft entgegen. Auch dies scheint ihr Begleiter nicht zu registrieren. Unbeirrt spielt er sein Lied auf dem Didgeridoo. Ist dieses Didgeridoo so etwas wie der Nachlass der Tänzer? Der sonore Sound wird jedoch von den Wänden der Höhle nicht mehr widergegeben. Kein Hall mehr, der den Bass des Didgeridoo mystisch verstärkt. Tiefste Dunkelheit rund um den Schauplatz herum. Das tiefe Schwarz der Dunkelheit hat die Akustik verändert. Das Feuer spiegelt sich auf den schweißnassen Körpern der Tänzer, als würden diese selbst brennen. Geisterhafte, finstere Gestalten, ihre Gesichter hinter dem Schleier ihrer Haare verbergend. Aber halt, was ist das? Der staubige Höhlenboden hat sich zu festem Fels gewandelt. Erstaunlich, wie ist das möglich? Als hätten die Tänzer den Staub mit ihren nackten Füßen zu Stein gestampft. Fast schleichend, kaum merkbar erhellt sich die Szenerie. Gott sei Dank, ist schon ein bisschen unheimlich auf Dauer. He, wo sind die Wände, wo ist die Höhle? Das aufsteigende Licht, ist es Tageslicht? Unmöglich! Erschrocken, aufgeregt, schaut sich Biggy um. Angenehme Wäre, ganz klar nicht vom Feuer ausgehend. Sonne, es ist die Sonne, die sich, nicht mehr im Zenit stehend, auf den Abendhimmel vorbereitet. Wo bin ich, wo sind wir? Wie kann das sein?? Ein Traum! Sicher nur ein Traum! Biggy wollte sich lediglich vor ihrem Bruder in Sicherheit bringen, und jetzt ist sie mitten in einer Geschichte, wie sie unglaublicher, verworrener nicht sein kann. Verunsichert steht Biggy auf, schaut sich um. Durch die Lücken der tanzenden, nackten Leiber hindurch, das "Outback"! Natürlich nur ein Traum, beängstigend klar erkennt sie allerdings, tief unterhalb ihres Platzes, die unendliche Weite des Outback. Eben noch waren sie in der Höhle, jetzt auf der Schwindel erregenden Anhöhe eines Felsenmassivs. Und immer wieder die Frage, was geschieht mit mir? Wie erklär ich das jemals meinen Freunden, meinen Eltern? Monoton dringt der Sound des Didgeridoo in Biggies Kopf. Nimmt den Platz ihrer Gedanken ein, verhindert jeden Bezug zur Realität. Dieser Rhythmus, wieder, immer wieder. Sein Klang, die Akustik hat sich verändert, wird von der heißen Luft hinaus getragen, in die menschenleere Ebene Australiens. Völlig verunsichert lässt sie sich wieder neben dem Alten auf dem Baumstamm nieder. Jetzt war er, Kuparr, die einzige vertraute Verbindung zu Biggies Zuhause geworden. Der Bettler Kuparr ist ihre Brücke zurück in die Realität, Biggies Realität! Sie rückt näher, ganz dicht an ihn heran. Wie komme ich wieder aus dieser Geschichte heraus? Gibt es so etwas wie einen Ausgang, einen Weg zurück? Einen Schleier etwa, den ich einfach zur Seite schiebe? Oder ein Nebel, durch den ich gehen kann? Zweifel und Angst steigen in ihr auf. Sie fleht schweigend in sich hinein, "Alter Mann, bring mich wieder zurück, zurück in unsere Höhle", die es eigentlich auch nie gegeben hat. Biggy erinnert sich daran, dass dieser mysteriöse fremde Höhleneingang, hinter dem Busch, ja auch noch nie an dieser Stelle gewesen war. Wie sollte Lucas sie hier finden, niemand würde jemals auf die Idee kommen, sie auf diesem Plateau zu suchen, weit weg von zu Hause? Wird sie überhaupt jemand suchen? Sie riskiert einen Blick in die Tiefe, zu steil, zu hoch, schwindelerregend. Lebend komm ich hier nie runter. Was passiert, wenn ich einfach hinunter springe? Würde ich aus dem Traum herausplumsen, wie Lucas' Ball unter den LKW hüpfte? Wer könnte, wer würde mich aufhalten? Ihre Gedanken kreisen im Rhythmus der Tänzer, im Rhythmus des Didgeridoo. Antworten, keine. Nur Fragen, immer mehr Fragen, deren mögliche Antworten Biggy nicht wirklich aufmuntern können. Immer tiefer wird der Strudel der Ungewissheit.

 

Das Ritual

Biggy quält die Frage, "wollte mich jemand hierhin locken? Wer könnte das sein und weshalb? Der Tanz der Aborigine, ist es ein Ritual? Ein Opferritual etwa"? Dieser Gedanke frisst sich in ihr Gehirn. Biggy ist zwar nicht klar, was oder wer die Hauptfigur dieses Rituals sein würde. Und was soll demjenigen widerfahren? Plötzlich die düstere Erkenntnis in Biggies Gedanken. Erschrocken reißt sie die Augen auf. Ich??? Nein, nein, ich doch nicht! Aber die können es nur auf mich abgesehen haben. Außer mir ist niemand hier der zum Opfern taugt! Ist das die Bestimmung dieses undurchschaubaren Spiels? Wurde ich hierher gelockt, um diesem Ritual als Hauptdarsteller beizuwohnen?

Da war er schon wieder, dieser Blick. Ein paar Mal schon, hatte Biggy der Blick eines der Tänzer gestreift. Die übrigen Figuren vermieden es, Blickkontakt mit Biggy aufzunehmen. Als ob sie Angst davor hätten, ihr in die Augen zu sehen. Besitzend diese Gestalten, Gespenster, Zombies oder was auch immer sie darstellen, überhaupt so etwas wie "Augen"? Oder sind die Höhlen in ihren Schädeln leer! Bedrückt sie das Wissen um das Schicksal dieses jungen Geschöpfs? Dieser Tänzer jedoch war anders. Seine feurigen Blicke schießen wie Blitze aus dem beinahe schwarzen Gesicht, ins Bewusstsein von Biggy. Unvermittelt unterbricht Djalu seinen Tanz, sein Blick haftet an den Augen des Mädchens. Wie aus dem Nichts kenne ich seinen Namen, bei Kuparr war dies ebenso geschehen, erinnert sich Biggy. Wer ist er? "Djalu". Wie hypnotisiert erwidert Biggy den Blickkontakt. Er geht auf sie zu. Meine Güte hat dieser Kerl Muskeln! Ein dunkler, wilder Fleischberg bewegt sich auf Biggy zu. Seine sicheren Schritte, dennoch sorgsam. Darauf bedacht, sie nicht zu erschrecken, die keinesfalls zu verängstigen. Eine sonderbare Fürsorglichkeit erfüllt den nach allen Seiten hin offenen Raum. Überrascht blickt Biggy Djalu nach, als er dicht an ihr vorbei zu einer Felsspalte schreitet. Er bückt sich, seine linke Hand greift in das Innere dieser Spalte. "Der hat auch keine Angst vor Tieren, warum auch"! Mit diesem Gedanken überrascht sich Biggy selbst. Ein sicherer Griff, nach ein paar Augenblicken zeiht Djalu seine Hand wieder aus der Nische. Seine Finger umklammern etwas. Schnell wird deutlich, was Djalu so kostbar in seiner Hand hält. Ein Didgeridoo, wunderschön mit den traditionellen Farbtönen der Erde verziert, Ocker, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz. Ehrfürchtig betrachtet Djalu das mysteriöse Stück Holz der Länge nach, vom traditionellen Wachsmundstück zum etwas dicker werdenden Bellend hin. Erleichtert, sichtlich zufrieden wendet er sich dem Mädchen zu, reicht ihr seine freie Hand, hilft ihr auf und führt sie an eine kleine Felserhöhung, gerade groß genug, um darauf Platz nehmen zu können. Alle Tänzer versammeln sich stehend, kreisförmig um die beiden herum. Djalu überreicht Biggy das Didgeridoo, drückt es fest in ihre Hände und deutet ihr an, auf ihm zu spielen. Erst jetzt fällt ihr auf, dass Kuparr sein Spiel beendet hat. Gespenstische Ruhe, selbst das Knistern des Feuers verstummt, die Flammen züngeln weiterhin als brenne der Stein auf dem es ruht. Diese tiefe, unendlich tiefe Stille. Es scheint, als sei die ganze Welt erstarrt und lausche erwartungsvoll auf Biggies Spiel. Allein, einsam, verloren in dieser Ruhe, die Biggy zu erdrücken droht. Eine Prüfung, doch in ihr nur leere, hilflose Gedanken. Wie sollte sie auf diesem Instrument spielen? Noch nie zuvor hatte sie ein Didgeridoo in ihren Händen gehalten. Dennoch scheint ihr das kostbare Instrument sehr vertraut. Wie ferngesteuert seztzt Biggy das Wachsmundstück des Didgeridoo an ihren Mund, ihre Hände streichen es fast zärtlich, gleich wird sie ihre Lippen entspannt hinein flappern lassen. Der Sound des Didgeridoo schwebt durch das geräuschlose Universum, getragene Klangbögen, einem Regenbogen gleich, erfüllen die unendliche Weite der Stille. Gefühlvolle, rhythmische Soundsequenzen unterbrechen den monotonen Grundsound. Der Alte am Feuer beginnt leise zu singen. Unklar, wie die Eingebungen Biggy erreichen, sie spielt intuitiv das Spiel zum Gesang des Alten. Ihr Duett fügt sich zusammen wie aus einem Guss. Biggy fühlt Kuparrs Gesang tief in sich. Zweifellos ist das der Beginn des geheimnisvollen Rituals. Djalu unterstreicht den Rhythmus durch das Aneinanderschlagen zweier Klanghölzer. "Onbeat" und "offbeat" im Wechsel beleben den ewig gleichen Takt. Wie hell und klar die Hölzer klingen, und als ob sie durch den Klang der Klangstäbe aufgefordert wurden, beginnen die Tänzer ihren Tanz erneut, ungezügelt, wild. Die Szenerie, die ganze Geschichte ist so surreal, dass sich Biggy nicht weiter darüber wundert, das Didgeridoo meisterhaft spielen zu können. Sie quokt, schreit und bellt das Kläffen des Dingo, der Tanz von Kuparrs Ahnen steigert sich bis hin zur Ektase, der Gesang des alten Mannes fügt sich mystisch in die Szene. Intuition, Gefühl oder ein geheimes Zeichen, sie weiß es nicht. Waren es eine zwei oder gar drei Stunden, die die Zeremonie bereits dauert, Biggy fehlt jedes Gefühl für Zeit. Der Gesang verstummt, die Tänzer kommen zur Ruhe, die Klanghölzer klingen leiser werdend in kurzen, schnellen Schlägen aus. Biggies Didgeridoo spielt, wie eingangs, seinen monotonen Basissound und schwirrend verlassen die letzten Obertöne das Klangrohr. Tiefenentspannt setzt Biggy das Didgeridoo ab. Da ist sie wieder, diese beängstigende Ruhe, gespenstisch, mysteriös, unfassbar. Reglos sitzt Biggy auf dem Stein, starrt schräg vor sich hin auf den felsigen Boden hinab. Minuten vergehen, kein Geräusch wagt es die meditative Stille zu stören. Selbst die Schreie der Greifvögel, die hier in den Bergen gewöhnlich überall zu hören sind, still, unendlich tiefe Ruhe! Die gesamte Natur hält sich an dieses Schweigen. Irgendwann finden Biggies Gedanken wieder zurück zu ihr, zurück in ihre Wahrnehmung. Zögerlich schaut sie auf, fühlt sich sehr einsam, niemand Vertrauter, an den sie sich wenden könnte. Es wundert sie auch nicht, die Wände der Höhle wieder zu erkennen. Mit einer erstaunlichen Gelassenheit steht Biggy auf, sie saß zwischenzeitlich auf dem staubigen Boden der Höhle, der kleine Felsen der ihr als Hocker gedient hatte, ist verschwunden. Langsam, ruhig, völlig angstfrei schreitet sie zur Höhlentafel und berührt gefühlvoll, beinahe streichelnd, die Zeichnungen, die Höhlenmalereien, gerade noch aus Fleisch und Blut. Unverständlich sind die Worte die sie dabei spricht. Eine Sprache selbst ihr nicht bekannt. Wer spricht aus ihr? Ist es der alte Aborigine Kuparr, der durch sie zu seinen Ahnen spricht? Erschrocken schaut sich Biggy um, wo ist er? Kuparr ist nicht zu sehen. Die Feuerstelle, eben noch züngelnde Flammen lodernd, erloschen. Die noch warme Asche liegt auf dem Grund der Höhle. Biggy nimmt Abschied von den Höhlenwänden, Abschied von der Malerei und der Feuerstelle. Biggy sucht Djalu, aus der Menge der Figuren heraus kann sie ihn nicht ausfindig machen. Er ging, ohne Abschied zu nehmen von Biggy, für immer? Ein schwaches, rätselhaftes Licht zeigt ihr den Weg zurück zum Höhleneingang, zur Einstiegsluke, durch die sie sich hatte reinrutschen lassen in dieses rätselhafte Abenteuer. Sie war auf der Flucht, Lucas war ihr auf den Fersen gewesen. War das denn wirklich so, oder war dies schon ein Teil des schaurigen Traums? Dass das "Erlebte" ein Traum gewesen sein muss, steht für sie zweifelsfrei fest. Aber an welcher Stelle der Ereignisse hatte der Traum seinen Anfang? Während sie sich zur Einstiegsluke hinauf arbeitet, versuchen ihre Gedanken einmal mehr das Geschehene, das Geträumte zu sortieren, begreiflich zu machen. Eine Unachtsamkeit, Biggy will die Schräge hinauf zum Ausgang klettern, und sie rutscht auf dem tausendjährigen Staub der auch hier die Felsen dick überzieht, aus. Reflexartig reißt sie die Hände nach vorne, will sich abstützen. Nein, was ist....Unmöglich, das Didgeridoo aus dem Traum, das Geschenk Djalu's. Dieses wunderschöne Instrument. Biggy hält es seit sie ihr Spiel beendet hat, unbemerkt in ihrer linken Hand. Das mysteriöse Didge. Ungläubig betrachtet sie seine kunstvollen Verzierungen als sähe sie diese zum ersten Mal. Langsam dämmert ihr die Erkenntnis, das Didgeridoo, dieses sonderbare Instrument, ist eine Brücke, ihre Brücke in ihre Traumzeit. Wohltuende Zufriedenheit durchströmt Biggies Körper, die Einsamkeit hat sie verlassen. Freudig krabbelt sie auf Händen und Knien durch den Schlitz ans Tageslicht.

 

Zurück auf der Erde

Biggy ist in ihrer Welt, ihrer Realität wieder angekommen. Sie steht auf, ihre Knie schmerzen ein wenig. Benommen taumelt sie den schmalen Pfad entlang zu der Stelle, von der aus sie das ausgedörrte Land zwischen den Felsen bis hinüber zu den Wohnblocks überschauen kann. Von Lucas jedoch keine Spur. Erschöpft lässt sie sich seufzend auf einem größeren Stein nieder. Sie muss jetzt einen klaren Kopf bekommen. Ein plötzlicher Gedanke, wo ist ihr vertrauter Freund Kuparr!? Sie will Ausschau nach dem alten Aborigine halten, ihn besuchen. Normalerweise sitzt er um diese Tageszeit noch bettelnd an seiner Straßenecke. Spannung steigt in ihr hoch, schier unerträglich diese Ungewissheit, gespannte Vorfreude auf ein "Wiedersehen". Fünfzehn Minuten, oder ein wenig mehr, vergehen, eine Biegung noch und sie würde die Straßenecke, Kuparrs Platz, einsehen können. Eilig geht sie weiter, bis....Niemand, kein alter Mann, kein Kuparr. Schmerzende Enttäuschung lähmt das Mädchen.

 

Der Abschied

Biggy bleibt stehen, schaut entsetzt auf seinen leeren Platz. Tränen trüben ihren Blick, fließen ihre Wangen hinab. Sie macht sich nicht die Mühe ihre Tränen abzuwischen. Es wäre auch sinnlos. Schluchzend, enttäuscht, ihre Seele schmerzt, wo ist er, kommst du wieder? Hat Kuparr in ihrer Traumzeit Abschied von ihr genommen? Nein, da war kein Abschied, wie auch nicht von Djalu, er war einfach nicht mehr da. Entkräftet, benommen, allein gelassen taumelt sie an Kuparrs Platz. Lautes Heulen bricht aus Biggy heraus, schüttelt ihren kleinen Körper, als sie zwei Klanghölzer überkreuz auf dem Boden liegen sieht und zwar genau auf seinem Platz. Biggy erkennt sie sofort, es sind jene Stäbe aus der Traumzeit. Ein letztes Zeichen, ein letzter Gruß? Biggy fühlt Kuparrs Nähe, hört deutlich seinen Gesang. Wie betäubt setzt sich Biggy nieder auf seinen Platz, hält sich das mystische Instrument, das sie noch immer fest in ihren Händen hält, an ihre Lippen und spielt den Klang aus ihrer Traumzeit, sie spielt Kuparrs Lied. Jetzt, das sie hier sitzt, auf seinem Platz, erinnert sie sich an sein Spiel das er jeden Tag spielte. Es war der gleiche eigenwillige Sound.

 

Das Vermächtnis

Ein Schauer durchbebt sie, ungeheuerliches Glück. Sie könnte platzen vor Freude. Ich, Biggy, bin seine Erbin, die Erbin des Didgeridoo und seines Spiels. Das war die einzige Bestimmung dieses unglaublichen Geschehens. Ab jetzt wird Biggy jeden Tag eine Stunde später von der Schule nach Hause kommen. Erstaunte, fragende Blicke der Passanten. Niemand jedoch fragt je nach dem Verbleiben des alten Aborigine. Seine Musik, sein Vermächtnis, bleibt dem Straßenzug erhalten. Die Bewohner Kurandas, aber auch die Besucher der Stadt, freuen sich daran, ein junges Mädchen so virtuos Didgeridoo spielen zu hören. Dass Biggy eine Frau ist, und damit gegen die strengen Traditionen einiger Clans verstößt, scheint niemanden zu stören.

 

Zu Hause

Nachdem Biggy sich wieder beruhigen konnte, macht sie sich auf den Heimweg. Sie freut sich riesig auf zu Hause. Sicher machen sich Mumm und Dad sich bereits große Sorgen um den Verbleib ihrer Tochter. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt, bald wird es dunkel sein. Ihre Eltern und Lucas, wie werden sie Biggies Erzählungen aufnehmen? Werden Biggies Eltern all die Ungeheuerlichkeiten glauben können? Ist Lucas noch sauer? Unsicherheit, Resignation beschleichen sie. Ihre Befürchtung, als eine durchgeknallte Spinnerin abgestempelt zu werden, scheint ihr immer wahrscheinlicher. Biggy hat noch keine Ahnung über ihre Vorgehensweise. "Wie sage ich es meinen Lieben"?

Gleich die erste Überraschung erlebt sie, als Biggy bemerkt, dass sich niemand aus der Familie über ihre späte Heimkehr wundert. Konnte Lucas sie verraten haben? Sicher hat er schon seine Version der Dinge gepetzt. Die Sache mit dem LKW, ihre Flucht..... Aber damit enden seine Kenntnisse. Mehr kann er dann auch nicht wissen. Biggy setzt sich zu den Dreien auf den kleinen Balkon der den engen Wohnraum etwas erweitert. So erwartungsvoll, wie ihre Familie sie anstarrt, wird sich Biggy nicht um ein paar Erklärungen drücken können. Wie auf einer Stange aufgereiht sitzt die Dreiergruppe Biggy gegenüber. 

Biggy wendet sich an ihren Bruder. "Lucas, das mit deinem Fußball tut mir leid, wird nicht wieder vorkommen". Lucas ist erstaunt, "was ist mit meinem Fußball? Ich hab ihn vor einer Stunde etwa in die Garage an seinen Platz gelegt". "Aha", erwidert Biggy verwundert. Dann Pause, Ruhe, nein nicht schon wieder diese beängstigende, endlose Stille! Biggy schaudert, unheimliche Erinnerungen werden in ihr geweckt. "Jetzt erzähl doch mal, mein Mädchen", durchbricht Dad das allgemeine Schweigen. "Was geschah da in der Höhle"? Äh, welche.... woher weiß Dad von der Höhle? Niemand kann auch nur von der Existenz der Höhle wissen. Ungläubig, erstaunt blickt Biggy in drei fragende Augenpaare. Aufgeregt mit den Händen gestikulierend wiederholt Mumm die Aufforderung des Vaters. "Du hast doch Kuparr gesehen, mein Kind, oder"? "Ja aber woher wisst ihr von der Geschichte"? "OK, ich erklär es dir erst mal", spricht Dad. "Dann weißt du was wir wissen und wer uns das alles erzählt hat". "Erzählt, von wem", fragt Biggy erstaunt?

"Mangana, er ist der Clanführer der Wonghi, besuchte uns heute Mittag. Mumm und ich setzten uns mit ihm in den Schatten des Eukalyptus- Baums im Garten. Seine Ausführungen begann er mit Kuparr. "Mangana? Wonghi? Keine Ahnung von wem Dad spricht! Dad erklärt weiter: "Die Wonghi sind ein Ureinwohner- Stamm im Westen Australiens. Sie blieben bis heute von den Weißen unentdeckt, dadurch ist dieser Clan von den Invasoren bis heute unbehelligt. Ihr Gebiet ist sehr schwer zugänglich. Keine Straße führt hindurch, über Bodenschätze ist nichts bekannt, keine Reichtümer. Lange Fußmärsche durch schwieriges Gelände, ohne schützende, schattenspendende Bäume und ohne Wasser. Nur sie selbst, die Ureinwohner sind in der Lage diese Strapazen zu meistern. Kuparrs Clan war ebenfalls in dieser Region ansässig. Allerdings näher an der Küste. Sie wurden sehr bald von den Weißen entdeckt. Mangana steht nicht nur seinem Clan vor, er ist auch Medizinmann, ein Schamane. Ein Mann der die Brücke in die Traumzeit zu gehen weiß.

Biggy, mein Kind, dir ist "Traumzeit" ein Begriff? Dad schämt sich ein wenig dafür, dass er ausgerechnet Biggy diese Frage stellt. Weiß er doch in groben Zügen von Biggies ungewöhnlicher Reise. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man sich als Weißer in der Mythologie der Aborigine auskennt. Dad wartet nicht auf Biggies Antwort und beginnt mit seiner kurzen Schilderung der Vorkommnisse dieses Tages: "Wie erklär ich dir das? Die Traumzeit stellt für die Aborigine eine Welt dar, die parallel zu unserer Realität existiert. Sie ist Vergangenheit und Gegenwart zugleich. In dieser Traumzeit wird die Geschichte von der Entstehung der Erde, der Berge, der Flüsse und Meere erklärt. Auch wie die Menschen auf der Erde erwachten hat in der Traumzeit ihren Ursprung. In der Mythologie existieren Götter, Halbgötter, Tiere wie die Regenbogenschlange "Yurlunggur" die alles erschuf, riesige Frösche die aus dem Inneren der Erde an die Oberfläche kamen und mit dem Wasser das sie in ihren riesigen Mägen trugen, Bäche und Flüsse füllten. Es wird von Übeltäter erzählt, die zur Bestrafung in einen markanten Fels verwandelt wurden, oder als Tiere ihr Dasein verbringen müssen. Aborigine, die sterben gehen auf ihre Reise in die Traumzeit. Finden da ihren Platz. Das Didgeridoo nimmt eine "Vermittlerrolle" zwischen den Lebenden auf der Erde und der Traumzeit ein. Es gäbe noch so vieles über die Traumzeit zu erzählen. Die Schwierigkeit liegt in der Varianten- Vielfalt. Da die Ureinwohner nie über eine Schrift verfügten, sind die Einzelheiten der Überlieferungen so vielfältig, wie es Clans gibt. Das Wissen wurde und wird von Geschichtenerzählern mündlich von einer Generation zur nächsten überliefert und dadurch einen gewissen "Unschärfe" unterzogen. Auch die Verfolgung durch die Weißen Invasoren hat dramatische Lücken in diese Überlieferungen gerissen. Größtenteils wurden die Aborigine ihrer Kultur, ihren Wurzeln entrissen. Mangana ist ein Gesandter der Traumzeit, mit dem Auftrag die Dinge auf der Erde zu regeln". Dad beendet seinen Ausflug in die Mythologie der Aborigine.

"Mangana ist über seine Stammesgrenzen hinaus gut bekannt, ein gern gesehener Gast. Erstaunlich ist, dass dieser Aborigine den weiten Weg vom Westen quer durch den Kontinent in den Osten auf sich genommen hat". Seine Mission lag eigens darin, Biggies Familie vorzubereiten auf die Heimkehr ihrer Tochter. Er zog unverzüglich weiter, als diese Aufgabe erfüllt war.

 

Kuparrs Geschichte

Dad erzählt was Mangana berichtete: "Kuparr ist sehr alt und wird schon bald seine Reise in die Traumzeit antreten dürfen. Kuparrs Clan wurde von vielen Jahren von Invasoren ausgelöscht. Als sie in sein Dorf einfielen, war Kuparr auf der Jagd, ein Känguru wollte er fangen. Als er am Abend mit der Beute in sein Dorf zurück kehrte, fand er die ermordeten, toten Körper seines Clans. Erschossen, enthauptet, verstümmelt, keine Grausamkeit war den Angreifern fremd. Vom Schock benommen taumelte er durch sein Dorf, vorbei an Leichenbergen wie sie für Massenhinrichtungen typisch sind, bis zu seiner Hütte oder das was davon übrig war. Teilweise hingen an den Ruinen noch die Seile, mit denen die Hütten umgerissen worden waren. Er kannte jeden herumliegenden Körper, auf der Flucht rücklings erschossen, lagen einige mit ihren Gesichtern im Dreck. Kuparr bückte sich zu ihnen hinunter, um ihre Identität zu erkennen. Übelkeit stieg in ihm hoch, er hatte Mühe sich zu beherrschen. Dieses grausame Gemetzel schnürte Kuparr derart den Hals zu, er war nicht in der Lage zu schreien. Ein jämmerliches Winseln, Tränenflüsse, mehr kam nicht aus Kuparr heraus. Doch unter den Getöteten war keiner seiner nächsten Angehörigen zu finden. Wo waren sie nur? Ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer keimte in ihm auf. Auch sonst fehlten einige der Clanmitglieder. Sicher wurden sie verschleppt! Schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Er wusste aus Berichten, wie es benachbarten Clans erging, dass immer ein paar Menschen als Beute mitgenommen wurden. Sie wurden dann versklavt, oder auf Jahrmärkten als Attraktion, unter höhnischem Gelächter öffentlich hingerichtet. Nachdem die Kinder die Ermordung ihrer Eltern hatten mit ansehen müssen, steckt man sie, traumatisiert wie sie sind, in Internate. Darunter versteht man Gefangenenlager ohne jeden Kontakt nach außen. Sie werden von ihren Familien getrennt und auf ein Bettler Leben unter Weißen vorbereitet. Niemals bekämen sie eine Chance auch nur in die Nähe eines menschlichen Lebens zu gelangen. Ein Leben als Mensch unter Menschen, für sie unerreichbar. Als Tier wäre ihr Dasein erträglicher. Unfassbares Leid wurde und wird diesem Volk noch immer zugefügt. Diese Ereignisse begleiten Kuparr für den Rest seines Lebens. Unzählbar die Momente, in denen er das Känguru verfluchte, der er damals stolz als Beute nach Hause gebracht hatte. Er hätte es als Gnade empfunden, das Schicksal seiner getöteten Leute teilen zu können. Über all die Zeit, seit du zur Schule gehst und auf dem Heimweg bei Kuparr vorbei schlenderst fühlte er eine seltsame, aber angenehme Wärme von dir ausgehend. Bald war er sich sicher, das du Biggy, auserwählt bist sein Erbe zu übernehmen. Zugegeben, etwas seltsam ist es schon, ausgerechnet ein weißes Mädchen als Erbin eines Aborigine. Traditionell haben die Ureinwohner Australiens keine persönlichen Besitztümer. Also auch nichts zu vererben. Aber dieses seltsame Didgeridoo ist ein Relikt aus der Traumzeit, eine unbeschreibliche Ehre, Verantwortung die dir damit zuteil wird, mein Mädchen. Dein Traum, diese unglaubliche Geschichte war nichts weiter als eine Prüfung. Du wirst viel Mut und Ausdauer aufbringen müssen, um dieser Verantwortung würdig zu sein. Aus Dad sprühte eine Ernsthaftigkeit, wie sie Biggy bisher nicht an ihm erlebt hatte. Und dann war noch der Stolz der Eltern auf ihre Tochter und der des Bruders auf seine kleine Schwester.

 

Wieder Daheim

Schweigend erheben sich alle drei von ihren Stühlen, machen diesen einen Schritt auf Biggy zu, sie drücken sich innig. Tränen stehen in ihren Augen. Der Tragweite dieser Ereignisse sind sich alle völlig bewusst. Biggy weiß jetzt auch, dass sie alle Einzelheiten der Geschichte ihren Lieben erzählen wird, später, viel später. Dank des mysteriösen, menschlichen Gesandten der Traumzeit, der Biggies Familie vorbereitete. Ihnen eine unglaubliche Geschichte schonend berichtete. Biggy, dieses einfache Mädchen, eine Hüterin der Traumzeit. Einer Welt, die Weißen niemals zugänglich war und auch nicht mehr sein wird. Aber Biggy.....     Kuparrs mysteriöses Spiel wird weiterhin klingen. Der vertraute Sound dieses Didgeridoo wird jeden Tag von den Hauswänden widergegeben werden und jeder im Ort weiß, Biggy trägt Kuparrs Spiel in sich. Passanten verlangsamen ihren Gang oder bleiben stehen. Ein Lächeln erhellt jedes Gesicht. Nicht einer, der unberührt seinen Weg fortsetzt.

 

Biggy nimmt von alldem scheinbar keine Notiz!!!!

 

Wer war Mangana? Wer war Djalu? Diese Frage beschäftigt Biggy seit Dad ihr von Mangana erzählte. So mysteriös Djalu erschienen war, so war er auch wieder verschwunden. Er war nicht in der Höhlenmalerei zu finden. Die Art, wie Dad über Mangana sprach. Biggy hatte damals bereits das Gefühl, beobachtet zu werden. Mangana und Djalu waren hier, sie waren mit auf dem kleinen Balkon. Sie waren bei Biggy. Und sie sind es auch jetzt. Seit dem Traum sind sie die ständigen, unsichtbaren Begleiter Biggies. Und Biggy weiß, Djalu und Mangana sind ein und dasselbe Wesen. Reisender und Hüter der Traumzeit.